Wilson Caes ist 14 Jahre alt, geht in die 8. Klasse der Tejero National High School – und ist eines der Kinder, die seit dem Start unseres Projekts in Pier 3 im Jahr 2019 von Anfang an dabei sind. Damals lernten die Kinder noch auf der Straße, ohne festes Dach über dem Kopf. Wilson hat all das mitgemacht: die ersten Jahre ohne eigenes Haus, den Bau unseres Hauses 2021 – und jetzt, im Mai 2026, den Verlust genau dieses Ortes durch den Großbrand am Pier 3.

Sein eigenes Zuhause wurde bei dem Brand nur leicht beschädigt. Die Familie – Wilson hat fünf Geschwister – konnte in ihrem Haus bleiben. Doch das hat Wilson nicht dazu gebracht, sich zurückzulehnen. Im Gegenteil: Er erzählte uns, wie sehr ihn die Sorge um seine Nachbarn umtrieb, deren Häuser weit schlimmer getroffen wurden als sein eigenes. Noch während des Brandes und in den Stunden danach half er ihnen, ihre Habseligkeiten in Sicherheit zu bringen – ein 14-Jähriger, der in einem der schlimmsten Momente der Gemeinschaft nicht an sich, sondern an andere dachte.

Die Erfahrung hat Spuren hinterlassen. Wilson selbst spricht offen davon, dass ihn das Erlebte belastet. Und doch schaut er nach vorne: Er konzentriert sich auf die Schule, hilft seinen Eltern in ihrer kleinen Imbissbude, der Carinderia, und spielt in seiner Freizeit mit Freunden aus der Nachbarschaft Computerspiele – ganz normale Dinge, die nach einem solchen Ereignis alles andere als selbstverständlich sind.

Eine Gemeinschaft, die verteilt wurde

Wilsons Familie gehört zu den Glücklicheren: Sie musste nicht ins Evakuierungszentrum. Viele andere Familien aus der Nachbarschaft haben dagegen alles verloren und leben aktuell in Notunterkünften oder Zelten, über mehrere Standorte verteilt.

Unsere Partnerinnen Line und Camilla waren bereits in der Nacht des Brandes vor Ort. Was sie dort erlebt haben, bleibt uns im Gedächtnis.

Jhen Mary, die Schwester unseres Studenten Jemrix, kam aus dem brennenden Haus – und das Einzige, was sie mitgenommen hatte, war das Abschlusszeugnis ihres Bruders und sein Abschlussfoto mit dem Doktorhut. In einem Moment, in dem man vermutlich an gar nichts mehr denken kann, hat sie sich für genau das entschieden. Als Line sie damit in den Händen stehen sah, war das für sie ein zutiefst bewegender Moment – und eine Bestätigung dafür, warum unsere Arbeit so wichtig ist: Bildung ist für diese Familien ein Schatz, den sie selbst in der größten Not zu retten versuchen.

Eine andere Begegnung war auf ihre eigene Art genauso berührend. Einen Tag nach dem Brand waren Line und Camilla wieder im Viertel, um zu sehen, was sich noch retten ließ. Dort stand ein vierjähriger Junge aus unserem Vorschulprojekt vor dem, vor der Ruine unseres Hauses, sah die beiden an und fragte nur: „Wo sind die ganzen Spielsachen hin? Wo soll ich denn jetzt spielen?“ Ein einfacher Satz, der zeigt, wie sehr schon die Kleinsten spüren, wenn ihre vertraute, sichere Welt plötzlich verschwunden ist.

Warum ein sicherer Ort so unverzichtbar ist

Genau diese Sicherheit ist es, worum es in unserem Projekt am Pier 3 von Anfang an geht. In einer Umgebung, die von Armut, Kriminalität und Drogen geprägt ist, war unser Haus für die Kinder viel mehr als vier Wände: ein geschützter Ort, an dem sie einfach Kind sein konnten – lernen, spielen, essen, ankommen, ohne Angst.

Für uns steht deshalb fest: Wir wollen den Kindern so schnell wie möglich wieder genau das geben. Sobald die Abrissarbeiten abgeschlossen sind und die Behörden grünes Licht geben, ist unser Ziel, an gleicher Stelle ein neues Haus zu errichten. Denn in einem Umfeld wie diesem entscheidet ein sicherer Ort oft darüber, welchen Weg ein Kind einschlägt.

Wilsons Geschichte – seine Sorge um andere, sein Wille, trotz allem weiterzumachen – steht sinnbildlich für das, was wir in den Kindern von Pier 3 immer wieder sehen: Stärke, Zusammenhalt und Hoffnung, selbst wenn der Boden unter den Füßen buchstäblich weggebrannt ist. Diesen Weg gehen wir gemeinsam mit ihnen weiter.