Wir beenden unsere Projektarbeit in Pakistan
Diese Entscheidung ist uns alles andere als leichtgefallen. Zum Ende letzten Jahres haben wir unsere Projektarbeit in Pakistan abgeschlossen. Nach vielen Jahren intensiven Engagements, zahlreicher gemeinsamer Erfolge und ebenso vieler Herausforderungen haben wir uns nach sorgfältiger Analyse dazu entschlossen, diesen Schritt zu gehen.
Ein genauer Blick vor Ort
m April letzten Jahres waren wir noch einmal selbst in Pakistan. Über mehrere Tage hinweg haben wir unsere Schulen besucht, viel Zeit vor Ort verbracht, intensive Gespräche mit Projektverantwortlichen und unserem lokalen Partner geführt und eine umfassende Analyse vorgenommen. Dabei ging es uns nicht nur um einen Rückblick auf die vergangenen Jahre, sondern vor allem um eine ehrliche Einschätzung.
- Wo stehen die Schulen heute?
- Welche Fortschritte konnten wir erzielen?
- Entsprechen die Rahmenbedingungen noch unseren Leitlinien und unserem Bildungsverständnis?
Unser Fazit war differenziert und letztlich ausschlaggebend für unsere Entscheidung unser Engagement vor Ort zu beenden.

Unser Anspruch: Qualität vor Quantität und Sicherheit als Grundvoraussetzung
In den letzten Jahren haben wir immer wieder festgestellt, dass nur qualitativ hochwertige Bildung die Chancen der Kinder auf ein selbstbestimmtes Leben wirklich erhöht. Deshalb arbeiten wir kontinuierlich an besseren Lehr- und Lernbedingungen und an der intensiven Fortbildung der Lehrkräfte. Für uns bedeutet Bildung weit mehr als reinen Schulunterricht zu ermöglichen. Gute Bildung braucht ausreichend ausgestattete Schulen, gut ausgebildetes Lehrpersonal und eine kontinuierliche pädagogische Begleitung. Nur so haben Kinder eine reale Chance, sich langfristig aus der Kinderarbeit zu lösen und später ihren Platz in einem Arbeitsmarkt zu finden, der mehr verlangt als rudimentäre Grundkenntnisse.
Gleichzeitig ist Bildung nur dort nachhaltig möglich, wo ein Mindestmaß an Sicherheit gewährleistet ist. In Pakistan hat sich die Sicherheitslage in den letzten Jahren deutlich verschärft. Lehrkräfte wurden zunehmend bedroht, ein erneuter Schulumzug stand unmittelbar bevor, und die politische Gesamtsituation im Land ist instabil. Die jüngsten gewaltsamen Unruhen und internationalen Spannungen haben diese Einschätzung leider bestätigt. Qualität der Bildungsarbeit und Sicherheit vor Ort sind für uns untrennbar miteinander verbunden und waren gleichwertige Gründe für unsere Entscheidung.
Dabei setzen wir bewusst auf Qualität statt auf reine Reichweite. Uns ist es wichtiger, eine kleinere Anzahl von Kindern so zu fördern, dass sie echte Perspektiven entwickeln können, als sehr viele Kinder zu erreichen mit dem Risiko, dass die Bildung am Ende nicht ausreicht. Diese Haltung ist nicht die einzig mögliche, aber sie ist unsere.
Unsichere Strukturen und wachsende Risiken
Hinzu kamen massive strukturelle Probleme. In den vergangenen Jahren waren wir immer wieder gezwungen, Schulen zu verlegen, weil Mietverträge kurzfristig gekündigt wurden. Schulen sind in Ziegeleidörfern häufig nicht gern gesehen. Vermieter geraten unter Druck, Ziegeleibesitzer üben Einfluss aus oder Betriebe werden geschlossen.
Ein besonders prägendes Beispiel ist die Kali School. Am Standort der angrenzenden Ziegelei ist ein Bauprojekt geplant, die Ziegelei wird geschlossen. Die dort arbeitenden Familien sind wie fast alle Ziegeleiarbeiter hoch verschuldet und damit faktisch an die Besitzer gebunden. Wird eine Ziegelei aufgegeben, werden die Arbeiterinnen und Arbeiter entweder auf andere Ziegeleien verteilt oder aufgrund ihrer Schulden weiterverkauft. Für die Kinder bedeutet das, dass sie mit ihren Familien in völlig unterschiedliche Regionen ziehen müssen. Die Kali School hätte aufgelöst werden müssen, die Kinder wären in alle Richtungen des Landes zerstreut worden. Unter solchen Bedingungen ist keine nachhaltige Bildungsarbeit möglich.
Verantwortung gegenüber den Kindern und unseren Spenderinnen und Spendern

Uns war besonders wichtig, verantwortungsvoll zu handeln gegenüber den Kindern ebenso wie gegenüber unseren Unterstützerinnen und Unterstützern. Alle betroffenen Schülerinnen und Schüler, die weiterhin vor Ort bleiben konnten und nicht aufgrund der Arbeit ihrer Eltern umziehen mussten, wurden in andere Schulen unserer ehemaligen Partnerorganisation aufgenommen und können dort ihren Bildungsweg fortsetzen.
Unser Engagement war also keineswegs vergebens. Wir konnten viele Kinder aus der Kinderarbeit herausholen, ihnen grundlegende Bildung ermöglichen und sie auf den Übergang in weiterführende Schulen vorbereiten.
Gleichzeitig tragen wir Verantwortung dafür, dass Spendengelder effizient, transparent und im Einklang mit unseren Zielen eingesetzt werden. Dazu gehört auch, kritisch zu prüfen, ob die Rahmenbedingungen und die Zusammenarbeit vor Ort langfristig tragfähig sind und ob man gemeinsam an einem Strang zieht.
Ein Abschied mit Wehmut und mit Klarheit
Der Abschied aus Pakistan fällt uns schwer. Diese Entscheidung ist uns besonders auch vor dem Hintergrund nicht leichtgefallen, dass wir nach einer ebenso umfassenden Analyse auch in Madagaskar die Unterstützung für das Projekt CEG Mangily einstellen mussten. In beiden Fällen sind wir zu dem Ergebnis gekommen, dass die Rahmenbedingungen nicht mehr unseren Leitlinien, unserem Bildungsverständnis und unserem Anspruch an einen nachhaltigen und verantwortungsvollen Einsatz der uns anvertrauten Spendengelder entsprechen.
Wir blicken mit Dankbarkeit auf das Erreichte zurück und mit Respekt auf die schwierige Realität, in der Bildungsarbeit stattfindet. Unser Einsatz für Bildungsgerechtigkeit geht weiter mit derselben Haltung, derselben Verantwortung und dem festen Glauben daran, dass gute Bildung Leben verändern kann.



